Abidance

Abidance

Opening September 1, 2017, 7 pm
Curator Viola Kiefner and Karin Maria Pfeifer

With works by
Bernhard Hosa, Ewa Kaja, Clara L. Langenbach, Laura Sigrüner, Christiane Spatt, Karin Maria Pfeifer, Michael Zibold, Sula Zimmerberger

Location WESTWERK, Admiralitätstraße 74, 20459 Hamburg www.westwerk.org
Duration September 2, 2017– September 10, 2017

Das Projekt »Abidance« stellt mehrere Positionen zusammen, die sich in einer übergeordneten Weise jeweils mit verschiedenen Aspekten des Themas Zeit beschäftigen. Es geht
um das Gedankenexperiment, was passiert, wenn der Fluss der Zeit einmal angehalten wird oder die Protagonisten in einer Art Warteschleife des Seins festhängen: Sie thematisieren die Zeit und ihre Relativität und ihre Dysfunktionalität. Damit greifen sie aber auch eines der zentralen Themen der modernen Gesellschaft und ihrer Vertreter auf, die nach medizinischen Kriterien und über die zu Verfügung stehenden Lebensspanne gerechnet noch nie so viel Zeit hatten wie jetzt und doch darüber klagen, stets zu wenig davon zu haben. Der Widerspruch wird noch augenfälliger, wenn man zusätzlich etwa die Benefits der modernen Technologien in Betracht zieht, die in einer abstrahierenden Interpretation nicht Anderes bringen sollen als Zeitgewinn. Das reicht von den aktuellsten Apps aus dem App Store, mit dem impliziten Versprechen, das Handling der Gegenwart bis in die letzte Verästelung zu vereinfachen, zu beschleunigen, um damit Zeit und Raum für Anderes freischaufeln zu können. Das geht über das Internet, mit seiner annähernden Gleichzeitigkeit von Raum, Zeit und Lokalität bis hin zu modernen Mobilitätsdevices, siehe etwa Hyperloop-Phantasien des Emobility-Entwicklers Elon Musk oder die Radikalität der Idee des »Autonomen Fahrens«, welche die Entfernungen zwischen Orten und Positionen auf ein zeit- und moralunkritisches Maß schrumpfen lassen, von dem frühere Generationen nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Und doch scheinen die Anforderungen an die Menschen über das technologische Comittment in Bezug auf Zeit- und Komfortgewinn zu wachsen, mit der gegenteiligen Folge,
dass sich bei vielen Menschen ein permanentes Gefühl der Überforderung und Unwohlseins einstellt. Die künstlerische Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist nun jene nach den Folgen, was passiert, wenn sich die Gesellschaft oder einzelne Teile aus ihr, einfach aus dem Zeitfluss herausnehmen, beiseite treten und sich selbst einem Reframing unterziehen, einem Freezing der emotionalen Befindlichkeit.
Die unterschiedlichen Positionen der KünstlerInnen halten den Fluss der Zeit eine Weile lang an und ermöglichen einen verqueren, kontemplativen und teils verstörenden Blick auf
das, was sonst in weniger wahrnehmbaren Tempo an der Gesellschaft vorbeirauscht, sie reduzieren die Komplexität der zeitlichen Interdependenz der Jetztzeit auf ein fassbares Maß einer Slowmotionapplikation aktueller Handyvideos. Das schafft neue Zugangspunkte, neue Erklärungsmuster und neue Ansätze in dem Bestreben, sich selbst, seine Umgebung und übergeordnete Zusammenhänge zu verstehen. Der Zugang ist politisch relevant in dem Sinn, als gerade die rasenden Umgestaltungen zwischen Terrorgefahr, Wertediskussionen und Flüchtlingsströmen als ein zeitkritisches Phänomen die Gesellschaft zu überfordern scheint. Das Anhalten einer scheinbar nicht zu stoppenden Entwicklung ist, wie das Anhalten der Zeit, ein schier aussichtsloses Unterfangen, in einem quälenden Widerspruch wie auch Entsprechung zu dem Empfinden jener Flüchtlinge, die aus ihrer Zeit herausgerissen in der Warteschleife zwischen den Welten gefangen sind, und sich in Zeit und Raum neu verorten müssen. Aber es ist ein Unterfangen, das genau durch diese künstlerische Zugänge stellvertretend geleistet werden kann und muss.(copyright: pfeifer)

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© 2018 Bernhard Hosa